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FAQ Freilernen / Unschooling

FAQ Freilernen

Ein Campingplatz irgendwo in Rumänien. Es ist Sommer.

Was unser Alltag ist (wir sind zum Wäschewaschen auf diesem Platz gelandet), ist der Urlaub vieler anderer Menschen, denen wir begegnen. Nicht selten treffen wir auch hier auf andere Deutsche, die nach den ersten Minuten schon feststellen, dass wir nicht zu den üblichen Urlaubern gehören. Unweigerlich werden die Fragezeichen größer, wenn das Thema Schule bzw. Unschooling und Freilernen auftaucht. Auch heute wieder. Inspiriert von diesem wirklich guten Gespräch entsteht nun unser FAQ.

Wie wir zum Freilernen kamen.

Ein paar der immer wiederkehrenden Fragen von irritierten Mitmenschen oder besorgten Familienmitgliedern für euch beantwortet:

Wie lernen Freilerner, wenn sie keine Schule besuchen?

Dieses Lernen muss nicht so aussehen, wie wir uns das vorstellen oder wie wir es kennen. Lernen bedeutet nicht Hefte aufzuschlagen und Übungen nach Vorgabe darin zu machen. Lernen ist Spiel. Das Leben ist lernen. Damit die Wissbegierde, die all unsere Kinder von Natur aus mitbringen, nicht zerstört wird, dürfen wir sie nicht von außen mit Informationen unter Druck (z. B. Leistungsdruck, Gruppenzwang, Belohnung und Strafe etc.) zuballern. Doch genau das wird in deutschen Schulen gemacht. Da bleibt am Nachmittag zum einen wenig Zeit, um sich tief den eigenen Interessen zu widmen und auch zu wenig Zeit, um diese überhaupt erst zu entwickeln. Zudem wird alles, was irgendwie mit Schule in Zusammenhang gebracht werden könnte, nur noch mit der Kneifzange angefasst.
Mal ehrlich, wer kennt das nicht aus seiner eigenen Schulzeit?

Freilerner lernen also vom Leben selbst. Ohne Vorgabe von Themen, sondern ganz nach den eigenen Interessen. Sie lernen genau das, was für sie gerade dran ist. Und das in einem irren Tempo, weil sie alles dazu aufsaugen wie ein Schwamm das Wasser. Dieses Lernen findet aus intrinsischer Motivation heraus, also vom Lernenden selbst aus. Hier ist der Mensch kein Objekt, in den etwas „hineingestopft“ wird, das da vielleicht gerade gar nicht hinein will. Der jeweilige Mensch entscheidet hier selbst, was hinein soll und wann und in welchem Umfang und genau das ist die Selbstbestimmung, die wir anstreben.

Ist Freilernen nicht ganz schön anstrengend, wenn du zwei/drei/vier Kinder selbst unterrichtest?

Nein. Denn wir unterrichten nicht. Wir leben unser Leben weiter so wie vor dem 6. Geburtstag. Sie lernen genau so weiter, wie sie die ersten sechs Jahres ihres Lebens auch schon gelernt haben. Ja, ein Leben mit Kindern kann anstrengend sein. Doch wie bei allem haben wir die Wahl. Ob wir meinen kämpfen zu müssen oder ob wir auch ein großes Stück Vertrauen in uns und unsere Kinder setzen wollen. Wir können uns dafür entscheiden, nicht die Beziehung zu unseren Kindern auf’s Spiel zu setzen. Eltern, die das tatsächlich tun, haben es schwer mit Kindern an deutschen Schulen. Ständig ecken sie an, weil sie nicht mehr bereit sind, den verlängerten Arm der Lehrkraft zu spielen und Gesetze bei sich zuhause durchzuboxen, hinter denen sie selbst nicht stehen. Auf Dauer ist die Belastung innerhalb der Familie, ausgelöst vom Schulsystem, anstrengender als ein Alltag mit der ganzen Familie ;).

Es gibt ja schon wichtige Themen wie z.B. Rechtschreibung. Wie lernen eure Kinder sowas beim Freilernen / Unschooling?

Es gibt viele wichtige Themen. Menschen lernen die Dinge, die für sie dran sind, die für sie grad Bewandtnis haben. Und die dann richtig gut und schnell, wenn die intrinsische Motivation (die Motivation aus einem selbst heraus ohne Druck oder Antrieb von außen) sie antreibt.

In unserem Beispiel wäre es beim Freilernen / Unschooling so:
Rechtschreibung werden sie dann lernen, wenn andere Menschen Probleme haben, die geschriebenen Texte zu lesen und verstehen. Die eigene Motivation wächst immer dann, wenn die Notwendigkeit dazu besteht, wenn ihnen der Sinn deutlich wird. So wie Kleinkinder lernen deutlich zu sprechen, weil sie merken, dass sie sonst nicht verstanden werden, so lernen Freilerner richtig zu schreiben, weil sie sonst nicht richtig gelesen werden. Zudem lernt sich Rechtschreibung insbesondere durch’s Lesen. Was das Auge immer wieder sieht, kann es sich so merken.

Jetzt sagt ihr: „Aber mein Sohn liest gar nicht gern.“ Das mag sein. Aber warum ist das so? Wurde er eventuell zu einem Zeitpunkt gezwungen es zu lernen, als er noch gar nicht selbst das Bedürfnis danach hatte? Dies ist einer der Hauptgründe, warum Menschen heutzutage Probleme mit dem Lesen oder schlichtweg keinen Bock drauf haben. Sie haben das Lesenlernen als Pflicht wahrgenommen. Es war nichts, das sie grad speziell interessiert hat oder worauf sie besondere Lust verspürten. In der Folge meiden sie dann dieses Feld und nutzen ihr Erlerntes nur für das wirklich nötigste. Durfte ein Mensch den Zeitpunkt und auch das „Wie“ selber wählen, erkennt den Nutzen daraus für sich selbst, so entwickelt sich keine Abneigung und der Mensch bleibt offen für Texte jeglicher Art.

Kann man als Freilerner einen Schulabschluss machen?

Einen Abschluss kann man in Deutschland als sog. Externe an Schulen machen. Wenn der Mensch das selber möchte, wird sich entsprechend darauf vorbereitet und sich für die Prüfung angemeldet.
Heutzutage ist ein Abschluss bei der Berufswahl allerdings nicht mehr zwingend erforderlich. Das Ziel ist nicht mehr bei allen eine gut bezahlte Anstellung zu finden, sondern sich mit dem selbstständig zu machen, was ihnen liegt. Zudem beginnen auch Arbeitgeber und sogar Universitäten zu verstehen, dass Noten auf einem Blatt Papier nichts über die Person aussagen, dessen Name oben drauf steht, so dass ein Abschluss in Zukunft nicht mehr den Stellenwert haben wird, den er heute vermeintlich noch hat.

Ich bin sehr froh, dass meine Eltern mich dazu gezwungen haben, einen Uni-Abschluss zu machen und nicht abzubrechen. Das bildet einen ja auch charakterlich, wenn man etwas zu Ende bringt, auf das man keine Lust hat und das man nicht braucht. Woher nehmen eure Kinder solche Erfahrungen?

Gegenfrage: Tut es das? Was hat man gewonnen, wenn man etwas zu Ende bringt, mit dem man eh nichts anfangen möchte? Bildet es einen charakterlich nicht viel mehr, wenn man sich entgegen der weitläufigen Meinung, man sei „gescheitert“ gar nicht als Versager fühlt, sondern sich darüber freut, dass man keine weitere Zeit mit etwas verschwendet, was man eh nicht machen will? Und diese Zeit vielleicht sogar dafür nutzt, etwas zu tun, was den eigenen Bedürfnissen und Interessen eher entgegen kommt? Wer entscheidet, was scheitern ist?
Gibt man die Verantwortung nicht auch dabei an andere ab, wenn man erwartet, dass sie einen zu etwas zwingen sollten, was man auch selbst tun könnte?

Wie könnt ihr freilernen und dabei der Schulpflicht entgehen?

Wir sind auf Reisen gegangen mit unseren Kindern. Haben festen Wohnsitz gegen Abenteuer eingetauscht und haben Deutschland verlassen. Es gibt allerdings auch Familien, die zum Freilernen in Deutschland geblieben sind. Sollte das euer Plan sein, so schaut mal beim BVNL vorbei.

Wir wir die ganze Bürokratie wie Schulpflicht, Kindergeld und Finanzamt angegangen sind bevor wir losreisen konnten, erzähle ich euch in meinem eBook „Zwischen Freiheit und Finanzamt“.

Ohne Schule fehlen den Kindern aber doch die nötige Sozialisation, oder nicht?

Menschen werden ihr leben lang „sozialisiert“. Das passiert immer dann, wenn sie auf andere Menschen treffen. Dabei ist es egal, wie alt diese Menschen sind. Sozialisation findet mit der Oma statt und mit dem Nachbarsbaby, mit dem Kassierer und der Treckerfahrerin, mit den Nachbarskindern, den Kindern aus dem Sportverein oder Pfadfindern, der Familie im Gesamten und dem gesamten Umfeld dieses Kindes. Für eine gute Sozialisation empfinde ich Schulen tatsächlich als kontraproduktiv. Jeden Tag im Wettstreit, ältere gegen jüngere, Schüler gegen Lehrer, wenig Zeit für echte Freunde und Interessen, dazu Mobbing und Bullying.

Nein, für eine gute Sozialisation bedarf es keiner Schule. Mein persönlicher Schulweg war diesbezüglich auch richtungsweisend.

Man muss aber doch lernen sich in Gruppen einzufügen!?

Muss man das? Wer sagt das? Und warum? Es gibt Menschen, die tun das sehr gerne, andere wiederum nicht. Wir sind nicht alle gleich und manchen wird es leichter fallen und anderen nicht. Deshalb sind nicht die einen richtig und die anderen falsch. Wer gerne in Gruppen lebt, wird das tun und dort seinen Platz finden. Wer das nicht so gern hat, lässt es bleiben und wird auch seinen Weg gehen. Gruppen finden sich überall in unserer Gesellschaft. Eine Schule ist dafür nicht die einzige Möglichkeit.

Aber muss nicht jeder mal Dinge tun, auf die man keine Lust hat?

Muss man das? Wer sagt das? Und warum? Soweit ich mich erinnere, können Erwachsene selber entscheiden, was sie gerne arbeiten möchten, wann sie aufstehen, was sie mit ihrem Geld anfangen, ob sie überhaupt morgens aus dem Bett steigen, jeden Tag Pizza essen, den Job kündigen, wenn man keinen Bock mehr drauf hat u.s.w.

SchülerInnen dürfen in Deutschland nicht kündigen. Können sich ihre Kollegen nicht aussuchen. Nicht mal das Arbeitsfeld und müssen auch noch fragen, ob sie mal aufs Klo dürfen. Und ja klar gibt es Situationen, die wir gerne anders hätten. Mein Sohn möchte manchmal auch lieber ein Eis zum Frühstück anstatt ein Müsli. Diese Situationen verhindern wir ja nicht, indem die Kinder nicht in die Schule gehen. Die kommen von ganz alleine und steigern die Frustrationstoleranz eines jeden Menschen. Warum künstlich noch mehr davon erzeugen?

Freie Schulen bzw. Waldorfschulen als Alternative zum Freilernen?

Auch Freie Schulen unterstehen dem deutschen Schulgesetzen. Sie sind nur so frei, wie es das jeweilige Schulgesetz zulässt. Auch auf diesen Schulen werden die kleinen Menschen bewertet und analysiert, in Kurven gepresst und dürfen nicht selbst entscheiden, ob jetzt der Zeitpunkt ist, um auszuruhen, Fußball zu spielen oder Lagerfeuer zu machen (um mal die womöglich liebsten Fächer, die ich schon auf solchen Stundenplänen lesen durfte, zu benennen). Auch hier findet ein Großteil des Alltags außerhalb der Kernfamilie statt und auch hier gibt es oft nicht genug Personal, um ungesunde Gruppendynamiken zu erkennen und zu vermeiden.

Wie gehen wir mit Kritik innerhalb der Familie um?

Wir haben uns über die Jahre einen Ruf in unserer Familie erarbeitet, der dafür sorgt, dass unsere Familien nicht mehr allzu überrascht sind, wenn wir wieder mal alles anders machen müssen als sie es gewohnt sind. Anfangs haben wir uns noch zu Diskussionen und Erklärungen hinreißen lassen. Später, als wir merkten, dass das zu nichts führt, haben wir diese Energie gespart und unserer Familie Literatur und Dokumentationen empfohlen mit dem Angebot, danach gerne darüber zu sprechen. Ein Teil der Familie hat dieses Angebot angenommen und steht seither vollkommen hinter unserer Entscheidung. Ein anderer Teil hat sich nicht weiter damit befasst und kommt auch nach vielen Jahren noch mit den immer selben Gedanken und Bedenken auf uns zu.

Gibt’s Literatur für skeptische Großeltern?

Ja! Es gibt viele wunderbare Dokumentationen und Bücher übers Freilernen, aber eine ganz besondere möchte ich euch hier vorstellen. Es handelt sich um den Film „Alphabet“ und lässt u.a. auch Hirnforscher wie Gerald Hüther zu Wort kommen und das ganze Thema „Lernen“ von der wissenschaftlichen Seite beleuchten.

alphabet - Der Film


An Literatur mag ich euch und euren Familien die Bücher der Familie Stern empfehlen und natürlich die Klassiker von John Holt und Taylor Getto.

Was werdet ihr so gefragt oder habt ihr sogar selber Fragen? Stellt sie uns hier in den Kommentaren oder per Kontaktformular.


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