Freilernen - Wie kommt man denn auf sowas?

Freilernen – Wie kommt man denn auf sowas?

Tja, wie kommt man auf sowas? Ungläubige Augen schauen mich an, wenn ich sage, dass meine Kinder nicht zur Schule gehen. Hä? Wie geht das denn? Darf man das? Und überhaupt, wenn die kein Mathe können, wie sollen sie dann studieren? Diese und ähnliche Fragen diktieren den Gesprächsablauf. Nur wenige Menschen haben ein ernsthaftes Interesse an dem Warum und stehen sich selbst nicht im Wege um sich der darauf folgenden Antwort zu öffnen.

Ich spreche gerne über das Thema, aber nicht mit jedem ungläubig dreinschauenden oder trollmäßig postenden Menschen in den Sozialen Medien. Interessiert dich aber unser Warum tatsächlich, dann lies gerne weiter:

In unserem Fall ist die Entscheidung zum Freilernen eine Mischung aus eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen, die ich euch auch im Beitrag zum Thema Schulangst näherbringen möchte und der für uns logischen Konsequenz aus unserem Ziel einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen und unsere Kinder nicht zu Menschen verbiegen zu lassen, die sie gar nicht sein wollen. Wir wollen ihr Interesse, ihren Spieldrang, ihre Neugier und ihre Wissbegierde nicht ersticken, wie es der Schulbesuch tagtäglich bei vielen Kindern in Deutschland aus unserer Sicht tut, indem sie in starre Rahmen gequetscht werden und von morgens bis abends bewertet wird, wie sie sich Themengebiete aneignen, die sie zu dem Zeitpunkt gar nicht bearbeiten möchten. Sicher gibt es auch Schulen, die als Ausnahme der Regel gelten, doch auch sie sind letztendlich dem Schulgesetz unterlegen, sonst würden sie geschlossen.

Der erste Kontakt

Als “Neuschwangere” tauchte ich in eine komplett neue Welt für mich ein. Plötzlich ging es an jeder Ecke um Verantwortung und Entscheidungen. Frauenarzt oder Hebamme? Schmerzmittel unter der Geburt oder keines? Will ich meine Kinder impfen? Ab wann in den Kindergarten oder überhaupt nicht? Stillen oder Flasche? Tragen oder Schieben? Viele dieser Fragen hätte ich mir wohl nie gestellt, wenn ich nicht in ein Umfeld hineingerutscht wäre, das sich genau diese stellte. Und so hörte die Fragerei nicht plötzlich auf, sondern brachte mich noch während meiner ersten Schwangerschaft zu der Frage, wie ich mir die Schulzeit meines Kindes vorstellte. Da ich wie anfangs schon erwähnt selbst kaum positive Erinnerungen an die Schulzeit hatte, war mir klar, dass ich mich da noch nach Alternativen umsehen muss bis ich ziemlich schnell auf die Begriffe “Unschooling” und in Deutschland häufiger „Freilernen“ stieß, die unsere Überlegungen seither prägten.

Ich realisierte mit der Schwangerschaft und Geburt meines ersten Kindes, dass Kinder mit allem geboren werden, was sie benötigen. Es fängt schon damit an, dass sie wissen, wo sie saugen müssen und was sie zu tun haben um an die Milch zu kommen. Sie beobachten und ahmen alles nach, was die Umgebung ihnen bietet und so lernen sie bald sitzen, laufen und sprechen – alles ohne besondere schulisch geprägte Unterstützung, Hilfsmittel oder Programme. Mit 3,5 Jahren kannte sich meine Tochter besser mit Dinosauriern aus als ich es jemals tat und entwickelte ab dann von ganz alleine ein Interesse an Buchstaben und Zahlen, dem Schreiben, Lesen und Rechnen. Meine Aufgabe war und ist es nur, ihre Fragen zu beantworten und sie mit den Quellen vertraut zu machen, aus denen sie mehr erfahren kann. Alles andere bringt sie mit: Interesse, Lerneifer, Motivation.

Neue Zeiten – neue Wege

Um uns herum veränderte sich die Welt in einem Tempo, dem aus meiner Sicht, kein Lehrplan einer Schule folgen kann. Die Lehr- und Lernmaterialien, die ich in den 1990ern und 2000ern besaß, entstammten nicht selten den 1970ern und 1980ern. Wie kann ich meine Kinder auf eine Zukunft vorbereiten, die noch nie so vollkommen ungewiss war, wie sie es heute ist und das mit Lehrmaterialien und den dazugehörigen Denkweisen von gestern?

Ich bin der Meinung, dass neue Zeiten auch neuen Herangehensweisen bedürfen. Für meine Kinder möchte ich Zeit. Zeit um sie auf die Problematiken und Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Hier sehe ich die Basis des Wissens nicht in auswendig gelernten oder doch wieder vergessenen Fakten oder “Richtig oder Falsch”, sondern im kritischen Hinterfragen, selber Denken, nicht Mitlaufen, dem Bilden von Gemeinschaften, statt im Wettbewerb zueinander zu stehen, unsere Erde, die Natur als Lebensgrundlage für uns alle an erste Stelle zu setzen und vieles mehr. Das alles kann keine Schule bieten und die Zeit ist zu kostbar um sie an die heutigen Schulen zu verschwenden.

Was ich selbst während meiner Schullaufbahn erlebte, mag nicht stellvertretend für alle damaligen und heutigen Schüler*innen stehen, es zeigt aber, wie unbarmherzig mit denen umgegangen wird, die nicht funktionieren wie der Rest. Mein Partner hingegen hat seine eigene Schulzeit teilweise anders wahrgenommen, auch wenn heute noch einige Nachwirkungen davon spürbar sind.

Ich wollte nicht zur Schule gehen, ich habe es gehasst und sicherlich haben sich auch meine Eltern dann und wann gefragt, warum das so ist, auch wenn sie dafür einen anderen Grund als ich selbst ausmachten. Gerne erzähle ich euch hier mehr davon.

Meine Kinder jedoch sollen die Wahl haben sich so zu bilden, wie sie es wünschen und so bleiben sie die Freilerner, als die sie geboren wurden.

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