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Schulangst – Was soll das denn sein?

Schulangst

Der Begriff Schulangst breitet sich langsam aus, insbesondere unter Eltern und Schulpsycholog*innen. Mir selbst kam der Begriff erst vor wenigen Jahren unter – lange nach meiner eigenen Schulzeit. Ich stellte fest, dass ich inhaltlich sehr viel damit anfangen kann und ich mein Erleben darin wiederfinde. Doch wovor haben die Betroffenen nun wirklich Angst? Doch nicht etwa vor der Schule? Was ist Schulangst?

Zunächst einmal kann eine Angst entstehen, wenn ich negative Erfahrungen gemacht habe. Ich wurde von einer Wespe gestochen und halte mich in Zukunft lieber fern von Wespen. Hier ist der Grund eindeutig.

Bei Schulangst ist der Grund nicht so eindeutig. Habe ich nun Angst vor der Schule, weil ich negative Erfahrungen innerhalb der Schule gemacht habe, z.B. durch Mobbing? Oder habe ich diese negativen Erfahrungen aufgrund der Schule gemacht, die überhaupt erst aus der Existenz der Schule und dem Drumherum entstanden sind, wie es heutzutage in Deutschland existiert? Und suggeriert das Pathologisieren dieser Ängste nicht auch, dass hier ein “Fehler im System” der Betroffenen vorliegt? Dass sie damit nicht als “normal” betrachtet werden, sondern als behandlungsbedürftig?

Nein, das Wort Schulangst gefällt mir gar nicht. Und doch möchte ich anhand meiner eigenen, sehr persönlichen Erfahrung berichten, was viel zu oft unter Schulangst verbucht wird:

Mein Werdegang ist von Abbrüchen gekennzeichnet. Ich habe zweimal(!) das Gymnasium geschmissen, zwei staatlich anerkannte und eine nicht staatlich anerkannte Ausbildung abgebrochen, meinen ersten Versuch das Abitur zu erlangen vorzeitig aufgegeben und interessanterweise (Danke für den Hinweis, Jobina Schenk!) auch die geplante Alleingeburt meines Sohnes nicht wie ich es wünschte beendet, dazu aber an anderer Stelle mehr. Warum bin ich eine Abbrecherin und ist das immer schlecht? Was hat dazu geführt?

Aber fangen wir vorne an.

Ich war am liebsten zu Hause. Ich mochte gerne unter anderen Kindern sein, aber ich genoss auch die Zeit alleine in meinem Zimmer. Ich ging nicht sehr gerne in den Kindergarten, wollte immer direkt den Mittagstisch decken, denn das bedeutete, dass ich bald wieder abgeholt wurde. Abgeholt werden war das Ziel.

Noch zehn Jahre….

Irgendwann in der Grundschule wurde mir klar, dass ich noch viele Jahre dort werde sitzen müssen. Ich kann mich noch ziemlich genau an den Moment erinnern, als ich die Jahre zählte, die ich noch zur Schule gehen sollte und wie sich das dann in mir anfühlte: aussichtslos gefangen, ausgeliefert, unfrei und machtlos. Noch zehn Jahre zur Schule müssen – damals in der dritten Klasse – eine Ewigkeit für eine 8-jährige. Meine Mutter berichtete mir später einmal, dass ich auch ungefähr in der dritten Klasse anfing immer wieder über Bauchschmerzen zu klagen.

Bauchschmerzen aus psychosomatischer Sicht können durch psychische Belastungen wie zu viel Stress, Ängste, Überforderung, Trauer und ähnlichem entstehen. Leider war das zu der Zeit anscheinend noch niemandem in meinem Umfeld klar oder es wollte niemand sehen, weil es zumindest gefühlt keine Alternativen gab als meine Äußerungen zu ignorieren.

Wettbewerb und Bewertungen

Ich fühlte mich nicht nur dem Leistungsdruck einer Grundschule ausgesetzt, sondern gleichzeitig dem Wettbewerb um die besten Noten mit meinem älteren Bruder. Frei nach dem Motto: Wer ist klüger, intelligenter, gebildeter. Wettkämpfe verabscheue ich noch heute.
Klar, der Leistungsdruck an einer Grundschule mag nichts sein im Vergleich zu dem der weiterführenden Schulen. Für einen Menschen wie mich wirkte er damals schon entwürdigend, weil ich meine gesamte Person bewertet fühlte nach Richtig oder Falsch oder Eins bis Sechs. Ein Objekt auf dem Seziertisch. Auch damals schon fragte ich mich, wieso jemand es sich herausnehmen durfte über mich ein Urteil zu fällen, das diesen Einfluss auf mich und mein weiteres Leben haben darf.

Bullying

Nach der Grundschule ging es auf’s örtliche Gymnasium. Nach weiteren zwei Jahren begann ich mich sozial aus dem Klassenverband auszuklinken. Alleine schon das alle zwei Jahre durchgeführte Durchwürfeln aller Gleichaltrigen in neue Klassenverbände brachte mich jedes Mal aus dem Konzept. Gerade war ich einigermaßen hereingewachsen in meine Klasse, wurde schon wieder alles auf die Grundmauern niedergerissen.

Ich entwickelte einen speziellen Kopfschmerz, den ich immer als „Würfel im Kopf“ beschrieb. Bei jeder Erschütterung flog dieser mit seinen spitzen Ecken durch meinen Kopf und bereitete mir so üble Kopfschmerzen, dass ich tagelang nicht aus dem Bett kam. Kein Arzt wollte oder konnte da irgendwas ernsthaft diagnostizieren. “Migräne” fiel ein paar Male. Der Vorwurf des „Simulierens“ wurde allerdings immer größer, da meine Fehltage und -stunden wuchsen.

Ich spürte die Hilflosigkeit meiner Eltern, die versuchten die Problematik zu verdrängen (meine Brüder zeigten eben nicht die gleichen Symptome) und spürte die fehlende Akzeptanz des Großteils meiner Mitschüler*innen aufgrund meiner Fehltage, meines Andersseins, was sie durch ausgrenzendes Verhalten – Bulying – offen zeigten. Diesem Verhalten zugrunde liegt laut Schulforscher Wolfgang Melzer das Schulklima, nicht jedoch bestimmte Täter- und Opferpersönlichkeiten.

Körperliche Auswirkungen

So ging ich mich durch die Jahrgangsstufen bis ich Anfang der 11. Jahrgangsstufe endlich entschied, dass ich mich von der Schule abmelden wollte. Zu dem Zeitpunkt war ich kaum bis gar nicht mehr in der Lage morgens das Bett zu verlassen, da ich wie gelähmt aufwachte und nicht in der Lage war auch nur ins Badezimmer zu gehen, geschweige denn das Bett zu verlassen. Erst wenn ich mich bewusst entschieden hatte, dass ich heute nicht in die Schule gehen würde, wurden Bewegungen wieder möglich. Ich fühlte mich tatsächlich gefangen im eigenen Körper. Er machte einfach nicht mehr mit und diese Reaktion war – wie ich später herausfand – ein STOP-Ruf um mich vor schlimmerem zu bewahren.

Längerfristig hatte ich auch nach der Schule noch aufgrundessen viel mit Therapeuten zu tun bis ich letztendlich mit 25 Jahren fühlte, dass ich wieder klar kam.

Etwas Glück hatte ich doch!

Mir war zu dem Zeitpunkt als ich entschied, die Schule abzubrechen, nicht bewusst, dass der Schulleiter des Gymnasiums mir einen riesigen Gefallen tat, indem er mich mit 16 Jahren von der Schule entließ. Anscheinend ohne meine Akte ans Schulamt zurückzusenden. Ich war zu dem Zeitpunkt noch schulpflichtig, wenn auch „nur“ berufsschulpflichtig, konnte und wollte aber bei meiner Abmeldung keine Folgeschule nachweisen. Trotzdem bekamen meine Eltern oder ich keine Bußgeldbescheide zugestellt wegen Nichterfüllung der Schulpflicht. Ich denke, mein damaliger Schulleiter hatte verstanden, dass es mir nur mehr schaden würde, wenn ich weiter zum Schulbesuch gezwungen würde und entließ mich folgenlos.

“Jugendliche Anpassungsstörung” – Therapieversuche

Schon während meiner Schulzeit mit gerade einmal 13 Jahren wurde ich das erste mal zu einer Psychologin gebracht. Denn das Problem war klar: ich. Dort war ich zweimal, wollte dann nicht mehr hin, da mir der Sinn nicht klar wurde. Ich sah mich ja nicht bewusst als krank oder falsch an. Mit 16 Jahren ging ich dann mehr oder weniger freiwillig in Therapie, weil ich wirklich dachte, dass etwas mit mir nicht stimme, wenn ich nicht wie andere Jugendliche zur Schule gehen konnte. Immerhin wurde mir jahrelang gezeigt, wie ich zu sein habe und vorgehalten wie ich nicht bin.

Es wurde eine „jugendliche Anpassungsstörung“ diagnostiziert, die mir nicht weiter benannt oder erklärt wurde. Ich war das Problem. Ich passe mich nicht an. Ich empfand sehr viel als ungerecht und unfair. Ich funktionierte schlichtweg nicht so, wie ich sollte, damit aus mir eine vollwertige, anständige Arbeitskraft wurde, die für Steuereinnahmen sorgte. Ich hinterfragte zu viel und stellte Regeln in Frage, die niemand sonst aus meinem Umfeld offen kritisierte oder sich dran zu stören schien. Ich bekam verschreibungspflichtige Medikamente, die dafür sorgten, dass mir kurzfristig alles etwas egaler wurde.

In der Zeit nach dem Schulabbruch und bis heute wurde und werde ich von fast allen meinen damaligen Mitschüler*innen gemieden. Es gibt einige ganz wenige Ausnahmen, die mir in dieser Zeit eine große Stütze waren, auch wenn sie damals nicht wussten, wie es in mir aussah.
Ein Kind, das von seinen Mitschüler*innen abgelehnt wird, hat zudem selten noch anderweitig viele Freunde und Bekannte. Aufgrund des Zeitvolumens, das es in der Schule verbringt, bleibt nicht viel Zeit, außerhalb der Schule Freundschaften zu schließen. Zu der Ablehnung kann sich also auch schnell Einsamkeit gesellen. Diese Schlussfolgerung bringt auch die Frage “Und was ist mit der Sozialisation?” mit sich, die beim Thema Freilernen häufig gestellt wird.

Was nicht gesehen wird, ist, dass es natürlich auch außerhalb der Schule genügend Möglichkeiten gibt, neue Freundschaften zu schließen. Sofern die Zeit dafür vorhanden ist. Und die hatte ich ja nun endlich durch den Schulabbruch und zudem das Glück, dass Internetforen, studiVZ und Facebook so stark am Wachsen waren, dass ich mich vor Input und neuen Kontakten kaum retten konnte. Endlich war ich in der Position, mir meine Freunde selbst auszusuchen und nicht mit denen mir durch den Klassenverband und mein Geburtsjahr zugeteilten Menschen vorlieb nehmen musste.

Dass aber nicht ich das Problem war, das fand ich leider erst sehr viel später raus. Es hätte mich vor sehr viel Leid bewahrt.

Diagnose Schulangst – was nun?

Schulangst war mir und meinem Umfeld damals noch kein Begriff und auch heute wird sie noch gerne mit einer abwinkenden Handbewegung abgetan, aber von anderen Seiten auch schon als pathologisch angesehen.

Schulangst wird diagnostiziert oder in den Raum geworfen, wenn ein junger Mensch Probleme in Bereichen der Schule hat. Dazu zählen nicht nur der Leistungsdruck, eine Bewertungsangst, sondern auch das soziale Umfeld wie etwa Bullying durch Mitschüler*innen und Lehrkräfte. Oftmals werden aber auch Probleme im familiären Umfeld herangezogen, um diese Diagnose zu untermauern. Wenn das passiert, werden Eltern und Betroffene oft damit alleine gelassen.

Solltet ihr in der Situation sein, dass bei euch oder euren Kindern Schulangst diagnostiziert wird oder wurde oder erkennt ihr euch in den diversen Definitionen wieder, zählt in erster Linie, meine ich, wie damit zuhause umgegangen wird. Ob man ernst genommen wird, ob man sich bedingungslos geliebt und gesehen fühlt oder ob man wie ich als „Simulantin“ oder ähnliches von Lehrkräften, Mitschüler*innen und sogar den eigenen Eltern abgetan wird. Versucht die Schwierigkeiten klar zu benennen und lasst euch niemals einreden, dass ihr falsch seid wie ihr seid.

Ein krankes System…

Auf ein krankes System reagiert jedes Individuum anders. Manche werden empathielos, weil sie selbst keine Empathie erfahren haben. Andere kennen sich und ihre Emotionen nicht, weil sie diese nie leben durften um einen Umgang mit ihnen zu erlernen und wieder andere werden körperlich krank als Ausdruck dieses kranken (Schul)-systems. Doch das sind alles nur Symptome und keine zu behandelnde Krankheit. Die Symptome verschwinden, wenn sich das System, das sie erst erschaffen hat, ins Positive verändert. Oder wenn ihr das System verlasst, weil Veränderung sonst nicht möglich ist.

Ich für meinen Teil fühlte mich permanent bevormundet und gedrängt zu Dingen, an denen ich kein Interesse hatte. Die „Angst“ vor der Bewertung, die regelrecht Empörung in mir hervorrief, ging so weit, dass ich am Ende immer wieder mal einen Eintrag mit „Leistungsverweigerung“ im Klassenbuch bekam, was ich mich allerdings erst in den höheren Klassenstufen riskieren traute. Wer nicht liefert, kann auch nicht wirklich bewertet werden. Das war die Logik dahinter.

Ich wollte mich ausgrenzen und nicht dazugehören

Selbstverständlich war ich damit einigen Lehrkräften ein noch größerer Dorn im Auge, obwohl ich bis dahin eher als zurückhaltend und reif für mein Alter galt. Ich grenzte mich so selber aus und wurde ausgegrenzt – ein fließender Übergang. In dieses System wollte ich nicht gehören.

Und ein bisschen bin ich auch froh darüber. Nicht nur ein bisschen. Denn so habe ich mir meine Natur erhalten, nicht einfach alles mitzumachen, sondern zu hinterfragen, immer wieder nachzuhaken und Dinge auch einfach sein zu lassen, wenn ich merkte, dass sie mir nicht gut taten. Das zu erkennen, war ein langer Prozess, benötigte viele Therapieversuche und viel Input anderer Menschen. Die damit verbundenen Schmerzen psychischer und auch physischer Art möchte ich trotz allem niemandem wünschen und schon gar nicht meinen eigenen Kindern.

Es mag nun einleuchten, dass wir uns um alternative Wege bemühen und den Weg des Freilernens wählen. Aber auch ohne diese sehr prägsamen Erfahrungen würde ich an ihm festhalten, sofern es meine Kinder möchten. Für ein respektvolles Miteinander ist die freie Wahl der Bildung aus meiner Sicht unerlässlich. Wollt auch ihr euren Kindern das Freilernen auf Reisen ermöglichen, wisst aber noch gar nicht, wie das funktionieren soll? Schaut mal hier rein!

Wenn ihr Eltern seid und ähnliche Symptome bei euren Kindern bemerkt, bitte nehmt sie ernst! Hofft nicht darauf, dass sie einfach verschwinden, denn sie wachsen am besten, wenn sie ignoriert werden. Vielleicht nicht in den nächsten Jahren, aber vielleicht werden sie das Leben eurer Kinder auf ungeahnte Weise negativ beeinflussen. Seid ihr selber vielleicht auch davon betroffen (gewesen)? Bitte schreibt mir, wenn ihr mögt, eure Geschichte dazu hier unten in den Kommentaren oder auch per Mail.

3 Antworten bei “Schulangst – Was soll das denn sein?

  1. Danke für Deinen Erfahrungsbericht!

    Meinen Kindern geht es leider so wie es Dir erging. Einer von den beiden, ist mittlerweile so krank, das jeglicher Ausflug – auch wenn er zu Verwandten ist – mit starken körperlichen Beschwerden belastet durchgeführt wird.
    Arztbesuche sind kaum möglich, Behördengänge gar nicht – mein Kind ist nicht mehr handlungsfähig. Kann sich nicht mehr bewegen.

    Es ist so schmerzhaft für ihn und für mich als Mutter.

    1. Hallo 🙂
      Vielen lieben Dank, dass du das mit uns hier teilst. Es tut mir sehr leid, dass es deinen Kindern aktuell wie mir damals geht. Ein erster Schritt zur Heilung ist das Erkennen und der ist gemacht!
      Aus eigener Erfahrung weiß ich mittlerweile, dass die meisten Grenzen nur in meinem Kopf sind. Wie sähe ein Leben für dich und deine Kinder aus, in dem sie nicht psychisch und physisch heil wären? Vielleicht hilft euch die Vision und ein Hinarbeiten auf dieses Ziel.

      „Wir können Probleme nicht lösen, indem wir auf die gleiche Art und Weise denken, wie zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sie haben entstehen lassen.“ ~Albert Einstein

      Ich wünsche euch nur das Beste! Wenn du magst, können wir gerne in Kontakt bleiben. Ich würd mich freuen!
      Sonnige Grüße
      ~ Hanna

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